Dozent

Seit dem Sommersemester 2004 unterrichtet Jonathan Kaell die Fächer “Orchesterleitung” und “Partiturspiel” an der Hochschule für Musik Saar. 

In seinem Dirigierunterricht legt Jonathan Kaell vor allen Dingen darauf wert, seinen Studierenden von vorne herein die enge Beziehung zwischen Dirigat und Orchesterklang zu vermitteln. Aus diesem Grund steht in jedem Unterricht ein Pianist zur Verfügung, der das Orchester so gut wie möglich ersetzt. Meistens spielt Jonathan Kaell, ausgebildeter Pianist, selbst den Klavierpart. Den Examenskandidaten und den Studierenden höherer Semester steht das eigens für diesen Zweck gegründete “Schulmusikerorchester der HfM” zur Verfügung. 

In folgendem Essay sind Grundidee und Umsetzung seines Dirigiernterrichtes erläutert: 

Einbindung des Unterrichts in eine praktische Ensemble- und Orchesterleitungsarbeit”

Die Entstehung des Schulmusikerorchesters

 

Die Lernziele des Dirigierunterrichts lassen sich schematisch durch die Formel “Taktieren (Dirigiertechnik, Fähigkeit, musikalische Vorgänge in körperlich-gestische Bewegungen umzusetzen) – Probieren (Planen und Durchführen von Proben, strukturiertes Hören, Problemanalyse und -lösung) – Interagieren (soziale Kompetenz im Umgang mit dem Orchester)” darstellen.

 

  1. Das Erlernen der Dirigiertechnik ist ein motorischer, überwiegend auf Imitation basierender Prozess. Zur Unterstützung dieses technisch orientierten Unterrichts ist der Einbezug von Pianisten zur Simulation des Orchesters als Ergänzung zur Verbalrückmeldung des Lehrers sinnvoll. Dieses Unterrichtsmodell (Lehrer-Schüler-Pianist) stößt jedoch schnell an seine Grenzen. Bereits bei der Entwicklung einer differenzierten Technik reicht die Simulationsfähigkeit des Pianisten nicht mehr aus um beispielsweise die Fragilität des Zusammenspiels oder die instrumentenspezifischen Merkmale der Tonerzeugung darzustellen. Vor allem bei der Behandlung der Themen “Probieren” und “Interagieren” scheitert das Modell an der fehlenden Authentizität und Künstlichkeit der Situation. Der Pianist als Individuum ist nicht in der Lage, den Mikrokosmos “Orchester” mit seinen ihm eigenen gruppendynamischen und sozialen Aspekten abzubilden.
  2. Diese Authentizität kann nur ein reales Orchester bieten, welches dem werdenden Dirigenten als konkretes, unmittelbares Echo auf seine dirigentische Aktivität dient und ihm, ähnlich wie im Instrumentalunterricht, einen selbstständigen Abgleich von Ist- und Sollwert erlaubt.
  3. Während die Bereitstellung eines authentischen Klangkörpers für Chorleitungsdozenten vergleichsweise leicht ist (drei bis vier Stimmen reichen zur Wiedergabe eines vollständigen Chorsatzes aus), stellt sie für den Orchesterleitungsdozenten ein Kernproblem dar (enormer organisatorischer Aufwand, Vielfalt an verschiedenen Instrumentalisten). Dieses darf jedoch nicht als Resignationsgrund, sondern als Herausforderung gesehen werden. Denn: “Die Qualität und die Erfolgsaussichten eines Dirigierkurses sind direkt abhängig von der Quantität und der Qualität des praxisorientierten Dirigierangebotes.”
  4. Die Arbeit mit einem Berufsorchester stellt jedoch für Studierende der Bereiche Musikpädagogik, Schulmusik und Kirchenmusik keine sinnvolle Option dar. Dies hängt mit der Diskrepanz zwischen der Erwartung der Berufsmusiker an die Dirigenten und dem tatsächlichen Leistungsstand der Dirigierschüler zusammen. Lustlosigkeit, fehlende Kooperationsbereitschaft und ein vorprogrammierter Autoritätsverlust des Schülers in seiner Rolle als Dirigent wären eventuell die Folgen, die ein prozessorientiertes, entspanntes Lernen verhindern würden. Auch das Hochschulorchester, welches per definitionem eine Berufsorchestern ähnliche Praxis anstrebt, eignet sich ebenso wenig für die Arbeit mit Dirigierschülern.
  5. Der oben formulierte Qualitätsbegriff bezieht sich demnach nicht auf die absolute künstlerische Qualität des Orchesters, sondern vielmehr auf die tatsächliche “Eignung” des Orchesters hinsichtlich des Erfahrungsstandes des Schülers, der zum Erlangen des nötigen “Handwerkzeugs” in einer geschützten Umgebung lernen können soll, ohne dabei auf die Authentizität eines Orchesters verzichten zu müssen. Das Motto für den Aufbau eines “Praktikumorchesters” muss folglich lauten: “So ungeschützt wie möglich, so geschützt wie nötig!”
  6. Was liegt näher, als ein Orchester aus “Gleichgestellten” ins Leben zu rufen? Die Einbindung zukünftiger und aktueller Dirigierschüler ist günstig, da diese die nötige Geduld und Toleranz gegenüber ihren Kommilitonen mitbringen. Ausgehend von dieser Überlegung habe ich in Saarbrücken das “Schulmusikerorchester” ins Leben gerufen, eine völlig autonome, finanziell anspruchslose und sich selbsterhaltende Struktur. Jeder potentielle Dirigierschüler spielt im Orchester mit und unterstützt die Kommilitonen, die zu diesem Moment das Fach belegen und sichert sich damit die Kooperation des Orchesters für seine eigene Dirigierausbildung.
  7. Da das gesamte Spektrum der Orchesterinstrumente in den Bereichen Musikpädagogik und Schulmusik vertreten ist, steht fast ständig eine spielfähige Besetzung zur Verfügung, die von Nebenfachinstrumentalisten aus anderen Bereichen angereichert wird. Niveaugefälle werden nicht als Störungen, sondern als schulpraktische Herausforderung gesehen, genauso wie eventuell auftretende Besetzungslücken. Sie geben den Studierenden die Möglichkeit, sich in Umorchestrierungen zu üben. Dabei werden sie von den Dozenten der Theoriefächer betreut. Pianisten erfüllen ihr Soll durch Korrepetition in Gruppenunterrichten. Erfreulich ist die Tatsache, dass auch viele Freiwillige mitspielen. Diese Studierenden wird nach Möglichkeit die Gelegenheit geboten, als Solist mit dem Orchester aufzutreten.
  8. Diese Struktur des Schulmusikerorchesters hat sich in den Bereichen Musikpädagogik und Schulmusik als Erfolgsmodell erwiesen und wurde im vorigen Jahr offiziell in die neue Schulmusikstudienordnung aufgenommen. Damit ist das Schulmusikerorchester zu einer offiziellen Insitution der Hochschule für Musik Saar geworden.

Jonathan Kaell, im Oktober 2008